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Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Autor
Lebedew, Sergej

Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Untertitel
Erzählungen. Übersetzt von Franziska Zwerg
Beschreibung

Sergej Lebedew zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren, die sich intensiv mit russischer Geschichtspolitik und dem Ende der Sowjetunion beschäftigen und zeigen, welche zentrale Rolle Literatur beim Durchdringen einer von Geschichte heimgesuchten Gegenwart spielt. Seine Romane Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August (2015) zeigen seine ganze Meisterschaft. Eine Auseinandersetzung mit sowjetischer und russischer Geschichtspolitik ist heutzutage ein gefährliches Unterfangen, und nicht ohne Grund lebt Lebedew heute im deutschen Exil. Nun hat Lebedew einen Band mit elf Erzählungen veröffentlicht, die einzelne Szenen aus den Themen seiner Romane variieren und mit poetischer Intensität die Dringlichkeit aufzeigen, die Verbrechen des sowjetischen Staatsapparats aufzuarbeiten.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
S. Fischer Verlag, 2023
Seiten
304
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-10-397522-2
Preis
25,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind seine Romane »Der Himmel auf ihren Schultern« (2013), »Menschen im August« (2015), »Kronos’ Kinder« (2018) und »Das perfekte Gift« (2021) erschienen. Zuletzt erschien der Erzählungsband »Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit« (2023). Sergej Lebedew lebt zur Zeit in Potsdam.

Zum Buch:

Sergej Lebedew zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren, die sich intensiv mit russischer Geschichtspolitik und dem Ende der Sowjetunion beschäftigen und zeigen, welche zentrale Rolle Literatur beim Durchdringen einer von Geschichte heimgesuchten Gegenwart spielt. Seine Romane Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August (2015) zeigen seine ganze Meisterschaft. Eine Auseinandersetzung mit sowjetischer und russischer Geschichtspolitik ist heutzutage ein gefährliches Unterfangen, und nicht ohne Grund lebt Lebedew heute im deutschen Exil. Nun hat Lebedew einen Band mit elf Erzählungen veröffentlicht, die einzelne Szenen aus den Themen seiner Romane variieren und mit poetischer Intensität die Dringlichkeit aufzeigen, die Verbrechen des sowjetischen Staatsapparats aufzuarbeiten.

Die erste Erzählung setzt den Ton dieses Bandes: In Abend eines Richters seziert Lebedew Grausamkeit in einer Umgebung der Machtlosigkeit. Über eine Jugenderinnerung nähert sich die Erzählung der Figur eines Richters an, der Urteile fällt, die ihm „von oben“ diktiert werden, und damit die Verbrechen rechtfertigt, die unter der sowjetischen Führung begangen worden sind. Komplementär dazu erlebt ein Fernmelder in der Erzählung Huu das Ende der Sowjetunion als grundsätzliche und für ihn zutiefst verstörende Auflösung aller ihm bekannten Zeichensysteme. Ein wichtiges Element in Lebedews geschichtssensiblem Blick auf die Gegenwart ist die unheimliche Handlungsmacht von Gegenständen. So handelt die Erzählung Antoniusfeuer von einem Antiquar, der einer Schatulle ihr Geheimnis entlocken will. Unheimliche Macht aus der Vergangenheit auf die Gegenwart übt auch der Grabstein in Der Obelisk aus. In Das kurze i ist ein Buchstabe einer Schreibmaschine das entscheidende Indiz zur verdrängten und verschwiegenen Vergangenheit der Großmutter des Protagonisten. Diese unheimliche Gegenwart der Vergangenheit macht Lebedew in seinen Erzählungen auch sichtbar, in dem er von der Geschichte infizierte Orte in den Mittelpunkt rückt. In Die Scheune arrangiert sich ein ganzes Dorf voller Furcht um eine verschlossene Scheune, bis ein Junge die Scheunentüre öffnet und damit die Erinnerung an die Verstrickungen des Sowjetregimes mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung wachruft. Um diese ubiquitären, aber zunächst unsichtbaren Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart sichtbar zu machen, braucht es Lebedews hochsensible Protagonisten, die in Orten und Gegenständen, Träumen und Erinnerungsfetzen Indizien für einen größeren Zusammenhang sehen, der ihnen erst nach intensiven Bemühungen und oft auch zu einem hohen Preis enthüllt wird. Ein solcher Protagonist findet sich in der titelgebenden Erzählung des Bandes, Titan. Hier forscht ein Mann einem in der Sowjetunion verfolgtem Schriftsteller nach und erlebt dabei die Rolle von Archiven und Staatssicherheit in einer repressiven postsowjetischen Geschichtspolitik. Die letzte Erzählung zeigt auf, welche Mittel es gegen die Gewalt der Geschichte, die in der Gegenwart fortlebt, geben könnte. Hier gelingt es einer zivilen Widerstandsbewegung rund um eine Sängerin, einen repressiven Staat in Angst und Schrecken zu versetzen, indem sie sich regelmäßig vor dem Botschaftsgebäude zusammenfindet, singt und damit die Gespenster der Vergangenheit auf ihre Seite zieht.

Lebedews Meisterschaft liegt im Grotesken, das die unheimlichen Unterströmungen der Gegenwart durch die „Gespenstern der Vergangenheit“ in ihrer Alltäglichkeit spürbar macht. Der Erzählband ist ein willkommener Anlass, sich das Gesamtwerk Lebedews wieder vorzunehmen und es vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands in der Ukraine neu zu lesen.

Alena Heinritz, Innsbruck