Zum Buch:
Lithium ist in aller Munde, schließlich ist das Metall das Schlüsselelement der Energiewende. Aber woher kommt Lithium eigentlich, wie wird es gefördert und was geht mit dieser Förderung, der titelgebenden Lithiumextraktion, einher? Diesen Fragen widmet Thea Riofrancos ihr Buch Extraktion. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus und geht vor allem einem zentralen Dilemma des aktuellen Klimaschutzes auf den Grund. In ihren Worten: „Was bedeutet es, die Menschheit und den Planeten gegen die Extraktion zu verteidigen, wenn andere dieselbe Extraktion als notwendig betrachten, um die Menschheit und den Planeten zu retten?“
Diese Frage ist für Riofrancos ein persönliches Interesse: Als engagierte Politikwissenschaftlerin tritt sie in den USA für eine rasche Energiewende ein, doch ihre Recherchen zu den materiellen Bedingungen für diese Transformation haben ihr immer wieder gezeigt, wie dramatisch die Auswirkungen auf Menschen und Umwelt anderswo sind. Also nimmt uns die Autorin mit auf die Suche nach Antworten: in die chilenische Atacama-Salzwüste, wo die weltgrößten bekannten Lithiumreserven liegen, zu Begegnungen mit indigenen Communities, die um ihre Rechte und ihr Land kämpfen. Zu Umweltschützer*innen, Regierungsvertreter*innen und zu Treffen der Lithium Branche. Dabei vermittelt sie äußerst kenntnisreich, aber immer verständlich die Komplexität der Lithium-Lieferketten und der ganzen Welt des Rohstoffextraktivismus – also der Wirtschaftsform, die auf der Ausbeutung von Rohstoffen basiert.
So entfalten sich in Extraktion viele verschiedene, konkurrierende Sichtweisen auf den Lithiumabbau. Natürlich ist da der Widerspruch zwischen Umweltschutz und Bergbauunternehmen, die Rohstoffe fördern wollen – auch mit dem Narrativ des „grünen Extraktivismus“ für die Energiewende. Da sind aber auch lateinamerikanische Staaten, die im Lithiumboom ein Potential für wirtschaftliche Entwicklung sehen, Stichwort „Ressourcennationalismus“, und versuchen, den Abbau zu kontrollieren. Nicht zuletzt sind da auch die USA, EU und China, die sich in der geoökonomischen Konkurrenz Zugriff auf das strategisch wichtige Lithium und die grünen Wirtschaftszweige sichern wollen. Deswegen macht die Autorin immer wieder auch Abstecher nach Nevada, nach Spanien oder an den Rheingraben, wo der Lithiumabbau ebenfalls vorangetrieben wird. Damit ist das Buch hochaktuell und schließt an die politischen Debatten um neue wirtschaftliche Konkurrenz um Rohstoffe und Lieferketten unter Staaten an.
Das Buch begleitet vor allem auch Riofrancos Forschungs- und Erkenntnisprozess. Es ist kein vorgeblich neutrales Sachbuch, sondern immer nah an der Autorin und ihren Begegnungen. Das macht Extraktion spannend zu lesen, auch wenn die Autorin mitunter tief in die Materie einsteigt, wie zum Beispiel, wenn sie der Frage nachgeht, ob Lithium nun eine Commodity oder ein Rohstoff ist.
Der Untertitel des Buchs gibt bereits einen Hinweis auf ihre Antwort auf die zentrale Frage des Buchs. So vermittelt die Autorin geduldig und nachvollziehbar, dass das Dilemma gar nicht so ausweglos ist, wie es zunächst scheint – wenn es nicht um die Frage geht, wie wir all die Rohstoffe für die Transformation beschaffen können, sondern wie eine weniger rohstoffintensive Gesellschaft aussehen könnte. Einige Ideen dafür gibt uns Thea Riofrancos in ihrem Buch mit auf den Weg.
Henryk Joost, Frankfurt a.M.