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Das Ende der Illusionen

Autor
Reckwitz, Andreas

Das Ende der Illusionen

Untertitel
Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne
Beschreibung

Nach seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), für das der Kultursoziologe Andreas Reckwitz im vergangenen Jahr den Leibniz-Preis erhalten hat, folgt – quasi als Fortsetzung – seine Gesellschaftsanalyse Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. In seinem neuen Buch geht er nun auf die Krise des „apertistisch-differenziellen Liberalismus“ in der Spätmoderne ein. Die Hoffnungen auf ein „Ende der Geschichte“ im kulturellen wie ökonomischen Liberalismus nach der Wende seien heute als Illusionen entlarvt. Der Populismus in vielen west-, mittel- und osteuropäischen Staaten sei nur ein Symptom dieser Entwicklung. Reckwitz macht nun Vorschläge, wie der Krise des Liberalismus zu begegnen sein könnte, und bleibt dabei optimistisch.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2019
Seiten
305
Format
Taschenbuch
ISBN/EAN
978-3-518-12735-3
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und derzeit Fellow im Thomas Mann House in Los Angeles. 2019 erhielt er den Leibniz- Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Gesellschaft der Singularitäten wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet und stand 2018 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der KategorieSachbuch/Essayistik.

Zum Buch:

Nach seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), für das der Kultursoziologe Andreas Reckwitz im vergangenen Jahr den Leibniz-Preis erhalten hat, folgt – quasi als Fortsetzung – seine Gesellschaftsanalyse Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Während er in Die Gesellschaft der Singularitäten das Aufkommen einer neuen Mittelklasse beschreibt, verbunden mit Liberalismus und einem politischen Paradigma der Dynamisierung, geht er in Das Ende der Illusionen nun auf die Krise des „apertistisch-differenziellen Liberalismus“ in der Spätmoderne ein. Die Hoffnungen auf ein „Ende der Geschichte“ im kulturellen wie ökonomischen Liberalismus nach der Wende seien heute als Illusionen entlarvt. Der Populismus in vielen west-, mittel- und osteuropäischen Staaten sei nur ein Symptom dieser Entwicklung. Reckwitz macht nun Vorschläge, wie der Krise des Liberalismus zu begegnen sein könnte, und bleibt dabei optimistisch.

Mit grobem Pinsel beschreibt er eine Entwicklung, die sich heute in ihren letzten Zügen befindet und alle Gesellschaftsbereiche umfasst. Die Spätmoderne, die sich in den 1970er und 80er Jahren angekündigt habe, so Reckwitz, erlebe seit 1990 ihre Hochphase. Die spätmoderne Gesellschaft ist geprägt von einem „kognitiv-kulturellen Kapitalismus“, der gleichermaßen auf Bildungsexpansion und Wissensarbeit, die immaterielles Kapital schafft, aufbaut (deshalb „kognitiv“) und auf symbolische Güter („kulturell“) angewiesen ist. Die spätmoderne Gesellschaft ist für Reckwitz gekennzeichnet durch die Doppelstruktur aus Singularisierung und Polarisierung: Das Singuläre wird gesellschaftlich wertgeschätzt, das Standardisierte abgelehnt. Diese Singularisierung verkörpert die sogenannte „neue Mittelklasse“, die in ihrer Gestaltung des Alltags, des Arbeits- und Freizeitlebens ständig an der Selbstverwirklichung des Subjekts arbeitet, aber zugleich nach gesellschaftlicher Anerkennung strebt. Kulturelle Differenz wird hochgeschätzt, lässt sie doch das Reservoir wachsen, aus dem sich das Individuum neue Versatzstücke für seinen singulären Lebensstil zusammensuchen kann. Diese Singularisierung schließt aber große Teile der Bevölkerung aus: die „alte Mittelklasse“ und die prekäre Unterklasse. Populismus entsteht deshalb als Reaktion auf die Prozesse der Überdynamisierung innerhalb des kulturellen wie des ökonomischen und politischen Liberalismus. Die Spannungen in der Postmoderne, so folgert Reckwitz, entstehen nicht aus einem Kampf zwischen unterschiedlichen Kulturen, wie oft behauptet wird, sondern zwischen verschiedenen Umgangsweisen mit Kultur. Die beiden Antagonisten nennt er Hyperkultur bzw. Diversität und Kulturessenzialismus. All das lässt ihn darauf schließen, dass der Liberalismus, der im Zeichen des politischen Dynamisierungsparadigmas stand, sich heute in einer Krise befindet und über kurz oder lang von einem „regulativen oder einbettenden Liberalismus“ abgelöst werden muss.

So die Thesen von Andreas Reckwitz, die er in insgesamt fünf Aufsätzen ausführt. Diese Aufsätze können unabhängig voneinander gelesen werden und beleuchten jeweils einen Aspekt der Spätmoderne detailliert und in seiner historischen Entwicklung. Im ersten Text des Bandes geht es um die zwei sich gegenüberstehenden Kulturalisierungsformen Hyperkultur und Kulturessenzialismus, im zweiten Text beschreibt er dann die „neue Mittelklasse“ im Kontext einer alten Mittelklasse und einer prekären Klasse und die Prozesse der symbolischen Auf- und Abwertung, die das Verhältnis dieser Klassen zueinander reguliert. Im dritten Text widmet sich Reckwitz im Detail dem, was er „kognitiv-kulturellen Kapitalismus“ nennt, und im vierten den Problemen, die aus dem „Romantik-Status-Paradox“ des postmodernen Subjekts entstehen, das zugleich nach Selbstverwirklichung und nach sozialer Akzeptanz strebt. Zuletzt beschreibt er die Dialektik zwischen dem politischen Paradigma der Dynamisierung und dem der Regulierung, die jenseits der Links-Rechts-Unterscheidung wirken und die Frage betreffen, in welchem Ausmaß Politik die gesellschaftliche Ordnung gestalten will.

Reckwitz‘ Vorschläge, wie der beschriebenen Krise begegnet und wie verhindert werden könnte, dass der Liberalismus durch einen illiberalen Nationalismus abgelöst wird, beziehen sich ebenfalls auf ein breites Spektrum gesellschaftlicher Bereiche. Zur Überforderung des Subjekts durch das gleichzeitige Suchen nach Selbstverwirklichung und Streben nach Erfolg rät er zu einer „ökologischeren“ Lebensform, die ressourcenschonender mit den begrenzten Ressourcen des Subjekts umgeht und die „Grenzen des Wachstums“ auch auf dieser Ebene akzeptiert. Auf politischer Ebene sei die Ablösung des apertistischen Liberalismus durch einen einbettenden Liberalismus durchaus wünschenswert. Es brauche eine neue „Kultur der Reziprozität“, also eine soziale Gegenseitigkeit der Rechte und Pflichten eines jeden. Gesucht werden müsse nach neuen Grundregeln, nach einem Wertekonsens, der sich in den alltäglichen kulturellen Praktiken wiederfindet, ohne dabei so etwas wie einer Leitkultur zu folgen. Eine neue Kultur des Allgemeinen, die darauf aufbaut, könne unter Umständen die einander gegenüberstehenden Kulturalisierungsformen von Hyperkultur und Kulturessenzialismus versöhnen. Einhergehen müsse das mit einem neuen, kritischen Fortschrittsbegriff, der die Hegemonie des Westens hinterfragt, ökologische Ressourcen schont und die „Grenzen des Wachstums“ anerkennt. Reckwitz vermag es, seine optimistischen Vorschläge anschaulich darzulegen, und so ist die Lektüre nicht nur interessant, sondern auch ein Vergnügen.

Alena Heinritz, Münster