Zum Buch:
Schon als kleines Mädchen war Helen Macdonald von Greifvögeln fasziniert. Ihr Vater, ein Profifotograf, der um die Hingabe, Geduld und Selbstaufgabe, einer solchen Leidenschaft wusste, hat sie dabei unterstützt, Falknerin zu werden und war ihr ein wichtiger Lehrer und Partner. Als er plötzlich stirbt, erstarrt Macdonald in ihrer Trauer. Nur ein Gedanke setzt sich in ihr fest: sie wird einen Habicht abrichten. Den Leoparden unter den Greifvögeln, der als blutgierig, grausam, mürrisch und schwer zu zähmen gilt. Sie ersteht ein junges Weibchen, das sie – weil es so altmodisch klingt – Mabel nennt, und beginnt mit einer Aufgabe, die sie an den Rand des Wahns und der Selbstaufgabe bringen wird.
In den Wochen und Monaten, in denen sie das Tier abrichtet, zieht sie sich immer weiter von der Welt zurück. Ihre Stelle an der Universität läuft aus, und damit verliert sie ihre bisherige Wohnung. Sie meidet die Menschen. Im Kontakt mit dem Habicht schärft sich ihre Wahrnehmung weit über die Grenzen des Normalen hinaus. Eine Verschmelzung beginnt, die für den Falkner bis zu einem gewissen Grad sinnvoll ist – sind Vogel und Mensch doch bei der Beizjagd Partner. „Ich fliege den Habicht“ heißt es in der Falknersprache. Zwischen Macdonald und dem Vogel verschwimmt diese Grenze jedoch zunehmend. Ein schleichender Prozess der Selbstauflösung beginnt, der erst endet, als sie, nach einer Attacke des Habichts, beim Gedenkgottesdienst für ihren Vater erkennt: „Hände sind dafür geschaffen, die Hand anderer Menschen zu halten – sie sollten nicht ausschließlich als Sitzstange für Greifvögel dienen.“
Dies ist jedoch nicht nur die Geschichte der Zähmung eines Wildtieres. Damit verwoben sind Exkurse über die Falknerei, über Jagen und Töten, aber auch über die Schönheit des Lebens und der Natur. Eine wichtige Rolle spielt der Schriftsteller T.H. White, dessen Buch „Goshawk“ sie als junges Mädchen mit Faszination und Schrecken gelesen hat. White beschreibt darin, wie sein Versuch, einen Habicht zu abzurichten, an seiner Persönlichkeit grausam scheitert. Sein Buch ist für Macdonald ein dunkler Spiegel ihres Tuns.
„H für Habicht“ ist ein wildes und faszinierendes Buch, aber auch voller Humor und Wärme. Die Autorin ist in der Falknerei gleichermaßen bewandert wie in der englischen Geschichte und Literatur. Sie erzählt von Trauer und Freude, von Macht und Unterwerfung, von Einsamkeit und Freundschaft in einer gleichermaßen lyrischen wie zupackenden Sprache. Der Text entzieht sich jeglicher Kategorisierung (die Autorin sagt in einem Interview, es sei ein Buch über Trauer, Greifvögel und eine literarische Biografie), und gerade das macht seinen bezwingenden Reiz aus.
Ruth Roebke, Frankfurt