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Autor
Hoppe, Katharina; Lemke, Thomas

Neue Materialismen zur Einführung

Untertitel
Beschreibung

Die Kritik am Wahrheits- und Wissenschaftsverständnis universalistischer Denktraditionen ist in Mode. Dieser Diskurs, der sich aktuell unter dem Begriff der „neuen Materialismen“ versammeln lässt, lässt sich kaum noch als Ganzes überblicken. Weil darin aber sowohl einige wichtige Elemente des „alten“ Materialismus als auch parallel dazu Inhalte der Aufklärung verhandelt werden, ist dieser Diskurs gleich doppelt interessant. Katharina Hoppe und Thomas Lemke legen in ihrem Einführungsband ihre Sicht auf das viel beschworene innovati-ve Potential der neuen Materialismen dar.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Junius Verlag, 2021
Format
Broschur
Seiten
200 Seiten
ISBN/EAN
9783960603221
Preis
15,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt.

Zum Buch:

Die Kritik am Wahrheits- und Wissenschaftsverständnis universalistischer Denktraditionen ist in Mode. Dieser Diskurs, der sich aktuell unter dem Begriff der „neuen Materialismen“ versammeln lässt, lässt sich kaum noch als Ganzes überblicken. Weil darin aber sowohl einige wichtige Elemente des „alten“ Materialismus als auch parallel dazu Inhalte der Aufklärung verhandelt werden, ist dieser Diskurs gleich doppelt interessant. Katharina Hoppe und Thomas Lemke legen in ihrem Einführungsband ihre Sicht auf das viel beschworene innovati-ve Potential der neuen Materialismen dar.

Die allermeisten Theorien aus diesem Bereich lassen sich auf den gemeinsamen Nenner bringen, politische Analysen auf Basis einer „relationalen Ontologie“ (18) zu liefern. Relational heißt dabei zunächst nichts anderes, als dass die dabei verwendeten Begriffspaare eben wirklich erst als Paare funktionieren und stets nur in einem Verhältnis zueinander auftauchen. Diese Idee ist nun zwar so neu nicht, die neuen Materialismen rollen sie aber noch einmal ganz grundlegend auf.

Ob „neo-animistische Ontologie“, „performativer Materialismus“ oder agentieller Realismus“ – sie alle verleihen dem politischen Kampf um Gerechtigkeit und Ökologie eine leicht esoterische Aura. Kürzt man das unnötige Abstraktionsniveau heraus, hinter dem sich die politische Botschaft versteckt, lautet diese: Wer die Natur als Lebewesen wahrnimmt, beutet sie weniger aus. Die darin anklingende „Politisierung von Ontologie“ führt im Diskurs der neuen Materialismen leider dennoch schnell eher zum genauen Gegenteil einer „Ethisierung des Politischen“ (78). Hoppe und Lemke fassen diesen Übergang im Stichwort „Ökologisie-rung der Macht“ (154) zusammen, was in Zeiten des Ökokapitalismus ja wirklich wie die Faust aufs Auge passt.

Ihre Doppelrolle als scharfe Kritiker und gleichzeitig entschiedene Vertreter dieser Position lösen Hoppe und Lemke leider auch zum Schluss des Bandes nicht ganz auf, und so bleibt ihre politische Bewertung der neuen Materialismen unabgeschlossen. Trotzdem werden die Eckpunkte dieser neuen Denkrichtungen verständlich; gleichzeitig wird aufgezeigt, wie sie manchmal gerade die biopolitischen Techno-Dystopien, die sie eigentlich kritisieren wollten, selbst mit heraufbeschwören. Die Subjekte sind schließlich auch ohne ihre Dezentrierung schon überfrachtet, weil jede subjektiv widerständige Haltung am laufenden Band von den Strukturen einverleibt wird und sie damit das System doch noch stabilisieren. Es bleibt spannend, ob die Losung „Für einen relationalen Materialismus“ (141), die Hoppe und Lemke selbst ausgeben, sich kritisch in den Gang der neuen Materialismen einschreiben kann.

Florian Geisler, Karl Marx Buchhandlung, Frankfurt