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Autor
Holfelder, Moritz

Unser Raubgut

Untertitel
Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte
Beschreibung

Es ist ein schwieriges, ein kontroverses Kapitel, das Emmanuel Macron in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, aufgeschlagen hat. Für europäische Museen, für Europäer allgemein wie für Afrikaner und alle vom Kolonialismus heimgesuchten Staaten der Welt. Dabei ist der Gedanke der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit kolonialer Museumsstücke in europäischem Besitz schon früh, in den fünfziger (Alain Resnais Les statues meurent aussi) und später in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Hildegard Hamm-Brücher, formuliert worden.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Christoph Links Verlag, 2019
Format
Kartoniert
Seiten
224 Seiten
ISBN/EAN
978-3-96289-058-2
Preis
18,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Moritz Holfelder, Jahrgang 1958, Studium der Kunstgeschichte, Publizistik und Germanistik in München, freier Redakteur und Kulturjournalist für den Bayerischen Rundfunk, die Süddeutsche Zeitung, den Norddeutschen Rundfunk u.a., lebt seit 2001 in München und Berlin. Zahlreiche Fotoarbeiten und Buchveröffentlichungen, zuletzt eine Biografie des Filmemachers Werner Herzog.

Zum Buch:

Es ist ein schwieriges, ein kontroverses Kapitel, das Emmanuel Macron in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, aufgeschlagen hat. Für europäische Museen, für Europäer allgemein wie für Afrikaner und alle vom Kolonialismus heimgesuchten Staaten der Welt. Dabei ist der Gedanke der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit kolonialer Museumsstücke in europäischem Besitz schon früh, in den fünfziger (Alain Resnais Les statues meurent aussi) und später in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Hildegard Hamm-Brücher, formuliert worden.

Moritz Holfelder zeigt in dieser Streitschrift Hintergründe, Verzögerungen und Unwillen der Bannerträger der Kultur, das heißt der Museen und der Politik, auf und damit ein Kapitel der Kulturheuchelei, die vorgibt, restituieren zu wollen, aber … Tausend Gründe hindern unsere Kulturträger an ehrlicher Tat.

Macrons Initiative, ethnologische Gegenstände kolonialer Herkunft nach Überprüfung der Provenienz zu restituieren, traf auf ein sehr gemischtes Echo. Insbesondere von europäischen, aber auch von afrikanischen Stimmen. Trotz der Kenntnis der kolonialen Raubaktionen, zum Beispiel der Benin-Bronzen, klammerten sich europäische Museen an ihre Besitztümer, manchmal unter fadenscheinigsten Begründungen, die oft nur als Zynismus der Besitzenden gewertet werden können.

Die Dimensionen der Zerstörung können unter juristischen Gesichtspunkten allein gar nicht gewertet werden, denn die kolonialen Aktionen der Siegermächte haben neben dem Aspekt der Ausbeutung von Naturschätzen und Menschenleben die psychologischen Aspekte durchaus mit eingeplant. Die aber sind im Nachhinein schlecht justiziabel. Der Raub der ethnographischen Gegenstände hatte ja nicht nur das Ziel, die Sammelgier zu befriedigen, man verfolgte auch den hinterhältigen Gedanken, die kolonisierte Bevölkerung ihrer wichtigsten Kulturgüter zu berauben und damit ihre Identität zu zerstören. Die Einführung der Sieger-Sprache als „Amtssprache“ diente demselben Zweck.

Selbst bei „milderen“ Kolonialregimen wie in Bamum, wo ein die Deutschen bewundernder König mit den Kolonialmächten kooperierte, Willfährigkeit demonstrierte und in vorauseilendem Gehorsam dem verehrten Kaiser Wilhelm seinen perlenbestickten Thron anbot, war das Kalkül der Siegermacht höchst erfolgreich aufgegangen: Freiwillig unterwarf sich ein afrikanischer König seinem „Kaiserbruder“. Hier war afrikanische Niederlage auf allen Ebenen erreicht. Hier trifft in uneingeschränktem Maße das zu, was Kunstprofessor Kayoka von der Universität Daressalam sagte: „Das Wichtigste, was uns die Europäer genommen haben, waren keine Objekte. Sie haben das afrikanische Selbstbewusstsein ausgelöscht. Der Kolonialismus hat unser Selbstwertgefühl zerstört. Manche Afrikaner wollten sogar wie die Deutschen sein ….“ Das ist die größte nur denkbare Erniedrigung.

Bei allen anderen Raubaktionen waren Gewalt, Hinterlist oder Betrug am Werk. Die afrikanischen Völker waren sich ihrer Niederlage und Unterwerfung bewusst. Widerstand regte sich immer und immer wieder: Das Bewusstsein der eigenen Identität war nicht definitiv ausgelöscht. Mit den widerspenstigen Kolonialvölkern wäre viel einfacher umzugehen, wenn man ihnen ohne verschrobene Formulierungen den Unwillen zu einer ehrlichen Restitution klarmachen könnte: Alle geraubten Kunstschätze sollen als Güter der Weltkunst deklariert werden, „die in unseren Museen bestens aufgehoben sind“. Hatte man in Paris doch extra le Musée du Quai Branly aus Pietät für die afrikanischen Kunstwerke gebaut! Und auch Deutschland findet genügend Gründe, um die Idee der Restitution zu konterkarieren: Politische Kämpfe in Nigeria – an wen zurückgeben? An Museen? An den Staat? An Familien? Und dahinter steht die arrogante Frage: Sind die Afrikaner überhaupt fähig und willens, ihre Kunstschätze nach unseren musealen Gesichtspunkten zu bewahren?

Holfelder wirft zum Schluss noch eine Frage auf, die für mich symptomatisch für die mangelnde Sensibilität der Deutschen und Europäer steht: Können oder sollen in einem architektonischen Umfeld, wie es das Humboldtforum, der Inbegriff preußischer Herrschaftsarchitektur, bietet, wirklich die Exponate der von eben diesen Preußen und Europäern unterjochten Völker ausgestellt werden? Eine brisante Frage!

Notker Gloker, Heiligenberg