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Autor
Dufaux, Jean

Murena. Band 1 + 2

Untertitel
Kapitel 1 + 2, 1. Zyklus: Purpur und Gold / Sand und Blut. Aus dem Französischen von Reinhold Reitberger und Wolfgang J. Fuchs. Zeichnungen von Philippe Delaby
Beschreibung

Das alte Rom war mal groß, die Antikenbegeisterung mag bei den meisten momentan kaum über einen schläfrigen Pflichtbesuch im Kolosseum hinausgehen. Diese, in phantastische Bilder gewandete alte Geschichte kommt allerdings so unglaublich gut, dass sie dem einen oder anderen vielleicht doch nochmal Lust macht, einen Nachmittag bei Wein und Oliven in das harte Leben der urbs aeterna einzutauchen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Splitter-Verlag, 2016
Format
Gebunden
Seiten
128 Seiten
ISBN/EAN
978-3-95839-379-0
Preis
24,80 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Jean Dufaux, geb. 7. Juni 1949 in Ninove (Belgien), arbeitet nach einem Studium der Filmwissenschaft zunächst als Journalist, bevor er in den späten 1980er Jahren mit dem Schreiben von Comicszenarios begann. Er entwirft Szenarios für Zeichner wie Griffo, Grzegorz Rosinski, Philippe Adamov, Philippe Delaby, Paape, Sohier, Marini. Sein jüngster Zeichner ist Jérémy, für den er ‘Barracuda’ schreibt. Dufaux bewegt sich sicher in den verschiedensten Genres und behält dabei doch immer seinen ganz persönlichen Stil bei.

Zum Buch:

Das große Latinum im „gallischen Krieg“ errungen, die antike Komödie mit Plautus verstanden und zuhause immer wieder den Spruch gehört: „Quod licet jovi, non licet bovi“ – was Jupiter darf,…

Die Antike, gerade die römische, war mal. Und das stimmt so sehr, dass es jedem Altphilologen das Herz zerreißt: Latein lernt, wer das berufliche Himmelfahrtskommando einer Karriere in der Alten Geschichte angeht. Und wer war nochmal dieser Octavius?

Die Antike verblasst, ein langsamer fade-out. Selbst die Popkultur hat keine Lust mehr auf antike Ästhetik, und von aufgekochten Horrorstories über Caligula lässt sich kein halbwegs zeitgemäßer Netflix-User hinter dem Ofen hervorlocken. Schade, schade! Sic transit gloria mundi, möchte man klagen und sich fester in die Toga wickeln.

Aber obwohl tausende Schüler durch Caesar, Cicero und Vergil gelernt haben, das Latein hart ist wie die Sitzbank und trocken wie das Pausenbrot von gestern, und von ganz allein einen Sicherheitsabstand einhalten, wenn es Antik wird, geht da noch was – sogar einiges.

Dass die römische Antike einen reichhaltigen Steinbruch an Topoi für Künste aller Art bietet, wurde tatsächlich schon reichlich bewiesen, kann aber gleichzeitig nicht häufig genug wiederholt werden. Eine äußerst schwungvolle Beweisführung führt da ausgerechnet das Comic-Genre (das seinerseits ebenfalls eine flamboyante Dafür-Rede vertragen könnte…) mit der Reihe Murena des renommierten Autors Jean Dufaux und des Zeichners Philippe Delaby.

Zuerst: Vergessen Sie das Cover des ersten Bandes und halten Sie sich an das zu diesem Zweck erdachte Sprichwort: Die Marmelade aus den scheußlichsten Gläsern ist die süßeste!

Der Stoff ist so bekannt wie faszinierend: Es ist die Geschichte von Lucius Ahenobarbus, der sich später unter dem Namen Nero ins kulturelle Gedächtnis der westlichen Gesellschaften einbrennen sollte. Nur wenige römische Kaiser haben es geschafft, sich so nachhaltig zum Objekt künstlerischer Auseinandersetzungen und wissenschaftlicher Spekulationen zu entwickeln, wie dieser komplexe Charakter. Dufaux nun lässt die Geschichte Neros am Vorabend des Todes seines Vorgängers Claudius beginnen und hält sich dabei an die historisch überlieferten Quellen: Neros Charakter scheint anfänglich unentschieden, zeigt sowohl finstere Züge als auch Empathie und Zartheit, doch dann – Anlage-Umwelt – beginnt seine machthungrige Mutter Agrippina die Fäden zu ziehen und ihren Sohn als Instrument zu benutzen, um die Macht im Reich zu erlangen. Erbarmungslos geht sie vor, erbarmungslos wird ihr Sohn, der hilflos im Netz der Intrigen zappelt, nach oben geschoben. Freilich spielen Menschenleben keine Rolle, und so entsteht vor den Augen des Lesers ein gefährlich gespaltener Mensch, der sich, bei aller Verfinsterung, immer noch gute Züge seiner vormaligen Persönlichkeit zu bewahren versucht. Es ist ein Kampf um die mächtigste Position in der damaligen Welt, ein Kampf um Selbstständigkeit und ein sich selbstantreibendes moralisches Scheitern bis hin zum absoluten Bankrott, in dem gar nichts mehr heilig ist. Hier wird eine ausgewachsene Familientragödie entwickelt, die – dann ganz im Stile der antiken Welt – nicht mal den Muttermord ausspart, um schlussendlich in der Katastrophe zu enden.

Natürlich wurde dem Nero Dufaux‘ eine Ziehmutter beigegeben, die die gute Seite der Macht repräsentiert und die für ihren Schützling gegen die übermächtige Agrippina zu Felde zieht, und natürlich gibt es eine Handvoll Underdogs – den titelgebenden Murena, Spross aus wohlhabender Familie und ehemaliger Freund Neros, dessen Mutter im Auftrag Agrippinas ermordet wird, und einen nubischen Sklaven, der den Tod seines Herrn rächen will –, die gegen den tyrannischen Herrscher in den Kampf ziehen. Und natürlich erliegen die Schöpfer des Murena der Versuchung, ein Bild Roms zu zeichnen, das knöcheltief im Blut steht und dem es an der ars amatoria an keiner Ecke fehlt: Juvenal hätte vermutlich seine Freude daran.

So dramatisch überspitzt das Setting klingt: Die Psychologie der Charaktere geht über das klischierte Protagonist-Antagonist-Schema hinaus, an dem das Genre manchmal kränkeln mag. Die historischen Fakten nach Tacitus, Sueton und Seneca werden korrekt wiedergegeben und die Geschichte Murenas behutsam in die verbürgte Historie eingeflochten. So entsteht eine spannende Comic-Reihe, die eine ganze Menge leistet: Sie ist eine Charakterstudie Neros, ein wissenschaftlich gestützter Blick in die Gesellschaft des kaiserzeitlichen Roms und, ja, ein spannender Thriller, dem es an Lovestory wahrlich nicht mangelt.

Es ist ein großes Glück, dass der wunderbare Splitter-Verlag diese zehnbändige Reihe in Doppelbänden herausgegeben hat und dem deutschlesenden Comicfan auf diesem Wege die dem Sujet entsprechenden klassisch-strengen, aber atemberaubenden Zeichnungen Delabys nicht vorenthalten bleiben. Eine raue Bilderwelt, detailgenau, naturalistisch, anatomisch exakt und doch so eigen und ausdrucksstark, dass die Alben immer wieder aufs Neue durchgeblättert werden können – nur der Bilder wegen.

Das alte Rom war mal groß, die Antikenbegeisterung mag bei den meisten momentan kaum über einen schläfrigen Pflichtbesuch im Kolosseum hinausgehen. Diese, in phantastische Bilder gewandete alte Geschichte kommt allerdings so unglaublich gut, dass sie dem einen oder anderen vielleicht doch nochmal Lust macht, einen Nachmittag bei Wein und Oliven in das harte Leben der urbs aeterna einzutauchen.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt