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Autor
Cannone, Belinda

Vom Rauschen und Rumoren der Welt

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Tobias Scheffel
Beschreibung

Ob wir diese Geräusche als angenehm oder unangenehm, berauschend oder quälend erleben, hängt von der Empfindlichkeit unseres Gehörs ab. Selbst für das normale Gehör ist echte Stille extrem selten; für Jodel und Jeanne, die Protagonisten des Romans von Belinda Cannone, gibt es sie gar nicht. Sie reagieren überempfindlich auf Geräusche, werden davon überschwemmt, überwältigt – und allzu oft auch gequält.

Wer sich auf Vom Rauschen und Rumoren der Welt einlässt, wird reich belohnt: mit einer traumhaft schönen Sprache, anregenden Gedanken über den prekären Zustand unserer Welt (auch und gerade in Corona-Zeiten, die der Roman fast schon vorwegnimmt) und mit einer musikalischen Struktur, der nachzugehen die reine Freude ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Edition CONVERSO, 2020
Format
Gebunden
Seiten
256 Seiten
ISBN/EAN
978-3-9819763-4-2
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Belinda Cannone, von sizilianisch-korsischen Eltern in Tunesien geboren, als französische Autorin zur ›Chevaliére de la Légion d’Honneur‹ ernannt, hat zahlreiche Romane, darunter L’Homme qui jeûne, Nu intérieur verfasst. Als Essayistin ist sie eine gewichtige Stimme in der internationalen Feminismusdebatte; ihre Essays L’Ecriture du désir; La Sentiment d’imposture wurden mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Sie lehrt als Assistenzprofessorin für vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Caen Basse-Normandie.

Zum Buch:

Wir sind umgeben von Geräuschen, in der Stadt wie auf dem Land, in der Menge wie in der Einsamkeit. Ob wir diese Geräusche als angenehm oder unangenehm, berauschend oder quälend erleben, hängt von der Empfindlichkeit unseres Gehörs ab. Selbst für das normale Gehör ist echte Stille extrem selten; für Jodel und Jeanne, die Protagonisten des Romans von Belinda Cannone, gibt es sie gar nicht. Sie reagieren überempfindlich auf Geräusche, werden davon überschwemmt, überwältigt – und allzu oft auch gequält.

Der Toningenieur Jodel hat gelernt, damit umzugehen, das gerade Wichtige aus dem Umgebungsrauschen herauszufiltern und sich gegen den Alltagslärm mit Ohrstöpseln zu schützen. Der Preis für diesen notwendigen Schutz ist Rückzug von anderen und Einsamkeit. Aber dann kommt der Zufall ins Spiel: die Begegnung im Wald mit der elfjährigen Jeanne, deren Gehör noch empfindlicher ist als sein eigenes, und die Bekanntschaft mit Ulan, einem Russen, der eines Tages bei einem Gewitter in Jodels Haus Schutz sucht. Zum ersten Mal überlässt sich Jodel dem Zufall, und so werden aus beiden Begegnungen Freundschaften. Jeanne bringt er das zielgerichtete Hören bei, damit sie dem Lärm nicht ungeschützt ausgesetzt ist, und Ulan nimmt ihn mit in die „Zone“, ein verlassenes Industriegebiet am Stadtrand, und macht ihn mit seinen seltsamen Freunden aus aller Herren Länder bekannt. Und als er dann noch Jeannes Mutter, die Komponistin Jaumette, kennenlernt, tut sich ihm eine ganz neue, musikalische Welt auf – und eine aufregende Welt der Liebe und des Begehrens.

Belinda Cannone zeichnet mit ihrem Protagonisten einen Menschen, der sich zum ersten Mal auf den Zufall ein- und davon tragen lässt und dabei mehr und mehr lernt, nicht nur dem Gehör, sondern allen Sinnen zu vertrauen und sie zu nutzen. Die Welt, die sich ihm dadurch eröffnet, ist skurril, fantastisch, erotisch und voller unauflösbarer Widersprüche. Cannone mischt so rücksichtlos Elemente aus Krimi, Science Fiction und Abenteuerroman mit ideengeschichtlichen Exkursionen, dass man zunächst völlig verwirrt ist. Das macht Vom Rauschen und Rumoren der Welt nicht gerade zu einer leichten Lektüre, aber wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt: mit einer traumhaft schönen Sprache, anregenden Gedanken über den prekären Zustand unserer Welt (auch und gerade in Corona-Zeiten, die der Roman fast schon vorwegnimmt) und mit einer musikalischen Struktur, der nachzugehen die reine Freude ist.

Irmgard Hölscher, Frankfurt