Zum Buch:
Warum wir es lieben, Frauen zu hassen, so lautet der Untertitel des 2026 von Veronika Kracher veröffentlichten Buchs Bitch Hunt. Sie beschäftigt sich in dem Buch mit dem Hass auf Frauen und queere Personen und seinen Ausdrucksformen insbesondere im digitalen Raum. Theoretische Grundlage ihrer Auseinandersetzung sind sozialpsychologische Erkenntnisse der Kritischen Theorie zu Massenpsychologie und Autoritarismus sowie eine Kritik der Kulturindustrie.
Ausgangspunkt für die Recherche und Analyse ist der öffentlich begleitete Gerichtsprozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp, der einen Kulminationspunkt antifeministischer und misogyner digitaler Hasskampagnen darstellt. Die Autorin bietet eine strukturierte Analyse, um einerseits die Gründe für diese extreme Mobilisierung gegen die von sexualisierter Gewalt betroffene Schauspielerin Amber Heard zu verstehen und andererseits die Mechanismen und Funktionen von Hasskampagnen zu untersuchen. Veronika Kracher gibt uns damit ein wichtiges und notwendiges Instrumentarium, um den Hass auf Frauen und Queers und seine Ausdrucksformen zu verstehen und zu analysieren – auch über die benannten Fälle hinaus.
Die Autorin begreift Misogynie als Straf- und Kontrollmechanismus und hebt als ein wesentliches Mittel die Praxis der Demütigung hervor. Der digitale Raum, insbesondere soziale Medien, sind Plattformen, die Demütigung in entgrenzter und hemmungsloser Form ermöglichen und befördern. Interessant ist der analytische Blick auf die Algorithmen, die den Plattformen zu Grunde liegen. Kracher beschreibt, wie aus Demütigung und Hass Content wird, der von einer breiten Masse konsumiert werden kann. Um diese Formen von digitaler Gewalt und Hass zu verstehen, liefert Kracher in ihrem Buch detaillierte und fundierte Beschreibungen und Analysen verschiedener Online-Phänomene – von „Cringe-Kultur“ über Plattformen wie 4chan bis zu konkreten Beispielen wie Drachenlord und Gamergate.
Besonders spannend an Krachers Analyse sind die Verbindungsmomente von Hasskampagnen im Internet und den Mobilisierungsstrategien der extremen Rechten. Damit beschreibt Kracher eine Strategie der Neuen Rechten, mit der diese in den vergangenen Jahren nicht nur Diskurse bestimmt, sondern auch den Wahlsieg von Donald Trump in den USA maßgeblich ermöglicht hat.
Als Grundstein dafür benennt Kracher Gamergate. Das hebt ihre Analyse qualitativ heraus, da sie hier ein Phänomen beschreibt, das in der kollektiven Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten kaum vorhanden ist oder sogar als abseitige Internet-Nerd-Episode abgetan wird. Kracher beschreibt auf spannende Weise, wie aus der Online-Hasskampagne eines gekränkten Manns eine Erfolgsstrategie der Neuen Rechten wurde. Auch die heute leider bekannte politische Strategie des „flooding the zone with shit“ lässt sich demnach auf diese ersten großen Hasskampagnen im Rahmen von Gamergate zurückführen.
Der Stil des Buches ist trotz der dargestellten Gewalt und gesellschaftlichen Abgründe bisweilen witzig, was auf Krachers pointierten, zynischen Stil zurückgeht, der einem die Lektüre erleichtert und manchmal etwas Distanz ermöglicht. Nicht destotrotz bleibt man mit Wut und Fassungslosigkeit zurück. Und mit dem Wunsch, sich jenseits sozialer Medien zu verbünden, um einander den Rücken zu stärken und gegen patriarchale und rechte Strukturen zur Wehr zu setzen.
Caro Geißler, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt