Zum Buch:
Die Aussiedlung, 2022 im ungarischen Original erschienen, ist der erste und bisher einzige Roman des 1957 geborenen rumänisch-ungarischen Schriftstellers und Dramaturgen András Visky. Der Autor erzählt eine Familiengeschichte, die – wie er betont – Teil seiner Familiengeschichte ist. Die Handlung beginnt Ende der 1950er Jahre in Siebenbürgen. Der Vater ist evangelisch-reformierter Pfarrer, die Mutter Júlia ist eine Jüdin aus Budapest. Sie ist aus Liebe zum Protestantismus konvertiert. Die Familie gehört zur ungarischen Minderheit in Rumänien, die Ende der 1950er Jahre den Säuberungen der Kommunisten zum Opfer fällt. Der Vater, dessen Predigten großen Zulauf haben, gerät ins Visier der Geheimpolizei Securitate, wird 1959 abgeholt, gefoltert und zu 22 Jahren Haft verurteilt. Die Mutter wird mit ihren sieben Kindern zwangsweise in ein Lager der am südöstlichen Rand des Landes gelegenen Bărăgan-Steppe ausgesiedelt. Dieses Lager ist die Hölle. Mutter und Kinder wohnen in Erdlöchern, später in kleinen Baracken. Zu essen gibt es das, was sie finden oder was andere ihnen geben können; Hungern ist an der Tagesordnung. Die Sommer sind heiß, im Winter fegen eisige Winde über die Steppe. Die häufig alkoholisierten Kommandanten sind eine ständige Bedrohung. Aber auch unter diesen barbarischen Bedingungen finden sich Menschen, die einander helfen, so gut es geht. Mehr als vier Jahre wird die Familie in unterschiedlichen Lagern festgehalten. Dann wird sie in einer Periode des politischen Tauwetters plötzlich freigelassen und weiß nicht, wohin sie gehen soll, denn alles, was sie je besaßen, ist ihnen genommen worden. Wenig später kommt auch der von der Haft schwer gezeichnete Vater vorzeitig frei, und langsam gelingt es ihnen – der kranken Mutter, dem versehrten Vater, dem alle Zähne fehlen, dem ältesten Sohn, der im Lager bei einem Unfall erblindet ist, und den anderen Geschwistern – sich wieder in ein „normales“ Leben einzufinden. Bis András, der Jüngste, Jahre später zum Militär eingezogen wird und erneut darum kämpfen muss, ein Mensch zu bleiben.
Soweit der Rahmen der Handlung. Gefüllt wird er von den Ereignissen des täglichen Überlebenskampfes, aber auch des niemals aufgegebenen Zusammenhalts von Mutter und Geschwistern. Was sie vereint, ist die Liebe – zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau und zu Gott, die sich in den Bibeltexten manifestiert, die das ganze Buch durchziehen. Sie sind die gemeinsame Sprache der Familie, sie halten die kleine Gemeinschaft zusammen.
Erzählt wird aus der Sicht des zu Beginn der Handlung zweijährigen András, in einemTonfall zwischen Naivität, Lakonie und seltsamem Lebens- und Gottvertrauen. Für ihn ist die Welt der Lager wie sie ist, er kennt nichts anderes und somit ist sie normal für ihn. Im Zentrum des kleinen Häufleins steht Júlia, die „porzellanschöne Mutter“. Sie ist eine zierliche Frau, deren Wille, ihre Kinder durch diese Hölle zu bringen, ihr übermenschliche Kräfte verleiht und die von ihren Kindern, aber auch von anderen Lagerinsassen verehrt wird. Sie leistet Zwangsarbeit, die sie an den Rand des Todes bringt, erleidet Nachstellungen der Männer, Vergewaltigung, Kälte und Hunger, aber in den Augen von András kann all das ihr nichts anhaben. Ihren unerschütterlichen Glauben, der zugleich der Glaube an ihren Mann ist, hält sie in der Familie wach. Sie liest die Tageslosung, zusammen singen die Familienmitglieder die bekannten Lieder und beten. Wenn nach dem „Amen“ noch ein Gebet folgt, ist dies das Zeichen, dass keine Mahlzeit mehr folgen wird.
Die Aussiedlung ist ein Text, auf den man sich einlassen muss. András Visky hat für seinen außergewöhnlichen und beeindruckenden Roman eine eigenwillige Form gewählt: Die 822 kurzen und längeren Abschnitte sind chronologisch angeordnet, können aber auch in der Zeit springen. Sie werden realistisch erzählt, können aber auch phantastische Elemente enthalten. Der Text fließt dahin wie ein langer, unendlicher Strom, ein Sog, der die Leser*innen vereinnahmt und nicht loslässt.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.