Zum Buch:
Ein Nachmittag im Theater, ein Sommer vor 10 Jahren und die ganze Zeit dazwischen. Mitten in der Pandemie kommt Sophias Theaterstück auf die Bühne: Eine Auseinandersetzung mit dem Sommer, den sie und ihr Vater vor 10 Jahren auf Sizilien verbracht haben.
Sophias Vater, ein berühmter, aber zunehmend unwichtig werdender Schriftsteller, ist Gegenstand des Theaterstücks und sitzt nichtsahnend in der Nachmittagsvorstellung. Er erinnert sich mit Freude an diesen Urlaub zurück, sieht sich aber im Verlauf des Stückes mit einer Version des Urlaubs und seiner selbst konfrontiert, mit der er nicht gerechnet hat und die ihn zunehmend vor den Kopf stößt. Sie hatten doch so eine gute Zeit miteinander!
Während die Vorstellung läuft, isst Sophia mit ihrer Mutter zu Mittag. Die hat sich zum wiederholten Mal von Sophias Vater getrennt, mit dem sie während des Lockdowns zusammen gewohnt hatte. Eigentlich wollte sich Sophia mit dem Mittagessen von der Tatsache ablenken, dass ihr Vater das Theaterstück schaut, aber die Unterhaltung mit ihrer Mutter wird zunehmend zu einer Auseinandersetzung über ihren Vater, seine Fehltritte und dem subsequenten Scheitern der Beziehung von Sophias Eltern.
Im Theaterstück, das Sophias Vater schaut, steht eine fiktionalisierte Version seiner selbst im Mittelpunkt der Geschichte. Dass diese mitunter von der erinnerten Realität abweicht, zeigen die Rückblenden im Roman, in denen sich der Vater und Sophia unterschiedlich an den Urlaub auf Sizilien erinnern: In den vier Wochen wollten sie endlich mal als erwachsene Personen Zeit miteinander verbringen und sich besser kennen lernen. Allerdings musste Sophias Vater sein letztes Buch fertigstellen und hatte Sophia dazu auserkoren, ihm dabei zu helfen. Also haben sie ganze Tage in der Küche des Ferienhauses gesessen, und Sophias Vater hat sein Buch diktiert, während Sophia stumm jedes Wort mitschrieb. Ihr Wunsch nach einem ganz normalen Urlaub mit einer Sommerromanze wurde zunehmend enttäuscht, denn ihr Vater, sein Buch, seine Bettgeschichten rückten immer weiter in den Mittelpunkt.
Die Austragung des Konfliktes auf der Bühne macht auch dem Vater zunehmend zu schaffen. So entsteht eine Vater-Tochter-Geschichte, die analog zu einer Geschichte von künstlerischer Entwicklung verläuft: Der Vater, seine problematischen Witze und Aussagen werden immer stärker kritisiert und versinken in Unwichtigkeit, während Sophias künstlerischer Stern mit dem Theaterstück erst aufsteigt. Jo Hamya zeichnet hier einen Generationenkonflikt nach, der maßgeblich durch die Kritik am „alten weißen Mann“ als politisch-kulturell wichtiger Figur geprägt ist.
Jo Hamya hat die verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird, geschickt zu einem überzeugenden Roman zusammengewoben, der durch seine präzise Sprache ein schillerndes Porträt einer Familie am Scheideweg zeichnet. Dem Nachmittag der Theatervorstellung, der die Komplexität der Familienkonflikte auf den Tisch bringt, wird durch die Pandemiesituation mit ihren vorgeschriebenen Abstandsregeln ein Rahmen gesetzt, aus dem die Charaktere nicht ausbrechen können. Sie sind immer wieder damit konfrontiert, dass sie einander auch räumlich nicht so nahekommen können, um ihre Konflikte zu klären. So entsteht ein Crescendo, das sich hitzig aufschwingt bis zum bitteren Ende. Ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, der so clever und mühelos sehr entgegengesetzte Perspektiven miteinander verbindet und ins Gespräch bringt, daher auf jeden Fall eine Leseempfehlung.
Melissa Dutz, Frankfurt a. Main